Neulich in der Kunsthalle

Posted on 25. November 2012

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Unsere Gruppe ist noch nicht ganz vollzählig, wie so oft müssen wir auf jemanden warten. Die meisten hier kennen sich untereinander. Simon, Monika, Sybille. Sybille war mit einem Geschäftsmann verheiratet und trägt Goldschmuck und Ohrstecker mit echten Perlen. Sie ist einfach dabei geblieben. Auch wenn sie dem, was uns regelmäßig hierher treibt, nicht wirklich folgen kann. Aber sie profitiert auf ihre Art, von unserem besonderen Interesse an Kunst und das genügt uns. Sie hat auch noch nie irgendwelche blöden Fragen gestellt, sondern läßt uns in unseren manchal weit ausschweifenden Kunstgenüssen schwelgen und sieht und hört uns gespannt und interessiert zu. Es gibt noch zwei weitere Männer. Holger, zweimal geschieden und Vater von wahrscheinlich sieben Kindern, weil seine beiden Frauen nicht so helle waren, denn keine Frau die ich kenne, wenn es auch nur entfernt wäre, würde gerne etwas von Holger in sich haben wollen.

Der andere Mann ist Nils. Ein ewiger Sohn. Dumpf, dick, nicht ungepflegt, aber auf seine besondere Art und Weise unansehlich. Das liegt daran, dass er zu viel Geld hat. Er braucht sich um nichts zu kümmern und das tut er auch. Alles in allem ein doofgebliebener Einfaltspinsel, aber das Herzstück von uns Bildungsmotiverten und Kunstinteressierten.

Nun trifft endlich der letzte Teilnehmer ein. Gerhard. Frau Lore Woltmann-Haiershagen, unsere Führerin und selber ebenfalls Künstlerin, begrüßt Gerhard und wir alle sehen uns der Reihe nach an, um das vorher als Bewertung für den Fehlenden abgelieferte müde Lächeln, Mundwinkel verziehen, Augenrollen, entweder erneut zu unterstreichen oder, um bei den anderen Teilnehmenden eine Bestätigung unserer Prognose einzufordern.

Aber G., so werde ich ihn ab jetzt nur noch nennen, macht einen guten Eindruck. Er wird uns keine Schwierigkeiten machen und sogar ich, eigentlich eher zurückhaltend und schüchtern, kann nicht nur meine eigene, sondern auch schon die Vorfreude der anderen, wegen der uns bevorstehenden Führung durch die Kunsthalle spüren. Es ist immer so ein herrliches Kribbeln. Es fängt schon die Tage vor dem eigentlichen Termin an und steigert sich dann. Bei mir ist es erfahrungsgemäß plötzlich weg, aber dann, sobald wir den ersten Schritt auf dem Weg in Richtung Halle gehen, in der die Skulpturen, Installationen, Gemälde…was auch immer, zur Stillung unserer Neugierde und Befriedigung unserer Unwissenheit, ausgestellt sind, ist es wieder da. Es ist so intensiv, dass es brennt, dass ich eine Gänsehaut bekomme, dass ich am liebsten herumspringen möchte, alle meine Fragen und Ideen zu allem was ich sehe, laut hinaus posaunend!

Aber Frau Lore Woltmann-Haiershagen weiß ganz genau wie es um jeden von uns steht und sie steht uns wie eine Herbergsmutter, wie eine Heilige, wie eine wohlwollende aber strenge Lehrerin, vor. Wir sind schon eine ganze Weile so zusammen, wie wir es jetzt sind. In dieser Konstellation und deshalb kann sie bei jeder ihrer Erklärungen dem einen zuzwinkern, die andere anlächeln oder, den Zeigefinger auf die Lippen gelegt, jemanden zum Schweigen verhelfen, falls eine besondere Stimmung oder ein von ihr eingeforderter gemeinsamer Gedankengang unterbrochen werden könnte.

Die abendlichen Führungen machen wir ganz alleine. Nachdem das Museum geschlossen wurde. So haben wir alle Zeit der Welt und wir werden nicht mehr ständig, wie es Tagsüber die Gefahr sein könnte, wenn mehr Publikium sich rumtreibt, von irgendwelchen Streunern und Langweilern, die sich einfach zu uns gesellen und uns letztendlich in unseren Kreisen stören, belästigt. Wir hatten solche Zustände am Anfang und waren schnell überein gekommen, dass es so nicht geht. Das wir uns so nicht konzentrieren können auf den Genuss von Kunst und auch nicht auf uns selber inmitten dieser erhebenden Erfahrungen, wenn es ein ständiges Kommen und Gehen ist. Und letztendlich war es genau die richtige Entscheidung. Denn je länger wir unsere Leidenschaft nur mit uns selber teilten, um so besser lernten wir uns untereinander in Gesprächen und durch die regelmäßigen Begegnungen kennen, so dass wir kaum noch Hemmungen hatten alles was uns besonders interessierte, was uns auf dem Herzen lag oder wir uns nicht trauten, trotzdem zu tun. Frau Woltmann-Haiershagen hat uns immer wieder ermutigt, uns immer wieder aufgefordert, jedem in der Gruppe zu helfen, auch wenn es manchmal wehtat, alle Blockaden und Ängste fahren zu lassen und sich ganz den neuen Erfahrungen hinzugeben. Erfahrungen jenseits des Alltags, der Normen und der uns allgegenwärtig einlullenden langweiligen und uns versklavenden Logik, die scheinbar die ganze Welt zusammenhält, aber dem menschlichen Geist, dem freien, dem befreiten menschlichen großen Geist, zu nichts weiter nutze ist, als immer weiter fort zu treiben, in ein endloses Meer von Regeln und Gesetzen und allem, was einen der ursprünglichen reinen Freiheit beraubt.

Es ging los. Frau Woltmann vorneweg. Die Einleitung, die langweilige Einleitung! Wann das Scheissgebäude hier erbaut wurde und warum. Die Bilder! Wir wollen die Bilder! Keine Minute verschwenden. Alles muss angesehen und alles muss bestaunt werden. Aber Lore, die Lore! Sie weiß, wie man es machen muss. Wir alle waren schon in Sorge, wir würden mit unserem Programm heute zu kurz kommen. Aber sie ist schlau! Lore hat uns einen kleinen Schrecken versetzt, so getan als wüsste Sie nicht um unseren Spaß, wollte dass wir uns sorgen, wollte das wir denken, sie hätte ihre geliebten Kinder vergessen. Aber nein! Was für eine Erleichterung und wir sehen ihren Schalk. Wie sie uns verschmitzt anblitzt.

Weiter. Das nächste Bild. Und weiter. Das nächste Bild. Wir suhlen uns in den Betrachtungen der Kunstverständigen, die Lore rezitiert und geschickt ergänzt. Selbstverständlich, zu unserer aller besserem Verständnis verbessert. Immer wieder schauen wir zu G. hinüber, mal von der einen Seite, mal von der anderen. Er hat schon bemerkt, dass er öfters angesehen wird. Auf der Straße wird ihn niemand beachten. Dort wo er wohnt wahrscheinlich auch nicht. Man sollte meinen er wäre ein stiller, unaufälliger Mensch. Aber nein, er ist bestimmt die Sorte Mensch, die alles besser weiß, immer ihren Senf dazu geben muss, überall gewesen ist und alles besser kann. So einer ist das, man merkt es sofort.

Schon nach den ersten Erklärungen unserer Führerin hat er hier und da gezuckt, die Luft laut hörbar eingesogen und sich die Klugscheißerlungen vollgesogen, so als wollte er ansetzen zu sprechen. Aber er hat den Mund gehalten! Ich wäre gespannt darauf gewesen, was heraus gekommen wäre.

Wir haben inzwischen fünf Bilder gesehen und sie förmlich in uns hineingefressen. Jetzt stehen wir vor einer Skulptur. Sie sieht aus wie ein Haufen Scheisse aus Bronze, von reudigen Kötern angepisst und von zum Tode verurteilten Schwerverbrechern mit Fingerfarben bemalt. Aber unsere Lore, was macht sie? Sie macht es zu Kunst. Ihre Worte und Erklärungen helfen uns, alles was sie verklärt, ebenfalls zu verklären, es zu bergreifen und somit unseren Horizont, von dem unsere beschissene kleine Welt umgeben ist, zu vergrößern.

G. glotzt. G. legt den Kopf auf die Seite und runzelt die Stirn. Er stöhnt ein wenig. Ein abschätzendes Stöhnen. Fast wie eine Frage klang es. Ich weiche, wenigstens innerlich, einen Schritt zurück. Kommt jetzt was? Kritik? Eine Meinung? G. glotz immer noch. G. glotzt uns alle an. Jetzt fährt er sich mit der Hand um das Kinn und seufzt. Wir sind alle gespannt und unsere Blicke wandern zwischen L. und G. hin und her. „Eine Frage?” will Fr. Woltmann-Haiershagen wissen.

G. grunzt. G. sagt: „Nein, nein. Ich dachte nur gerade was.”

So, so. Er dachte was.

Wir sind alle gespannt. Im Halbkreis stehen wir von einem Bild, das mit grellen Farben gestalltet, geradezu inszeniert wurde. Man kann die Not und die Qual, die der Künstler dabei empfunden haben muss direkt spüren. Seine ganze Hilflosigkeit, seine sämtlichen Nöte, all die Schreie seiner Seele liegen darin begraben und scheinen förmlich durch unsere Augen hindurch aus ihrem Farbengrab aufzuerstehen, um sich unserer Seelen zu bemächtigen, dort zu wohnen, weiter zu leben und um unserer teil- und habhaft zu werden. Ich genieße dieses Drängen und diese Art von Zudringlichkeit. Ich will alles in mich hineinströhmen lassen. Die Farben und die Stimmung genießen…

„Und was soll das bedeuten?” G. hat das gefragt. Ich schrecke aus meinen Träumen hoch. G. hat gefragt, was das Bild bedeuten soll!

Meine Augen sind weit aufgerissen. Ich bin entsetzt. Schockiert. Den anderen geht es ebenso. Keiner traut sich etwas zu sagen. Alle warten auf Fr. Woltmann-Haiershagen.

„Wie war die Frage?”

„Ich wollte wissen…Ich…Was soll das Bild bedeuten?”
Frau Lore Woltmann-Haiershagen geht einen Schritt auf G. zu. Ihr Gesicht ist von einer Frage gekennzeichnet und obwohl es nur drei Schritte sind, die sie braucht, um vor G. zu stehen, ist die Zeit, die sie braucht, die sie füllt mit dem Hall ihrer Schritte, dem Rhytmus und der Kraft, mit dem sie diese Distanz überbrückt, ungleich länger. Wie aus einer anderen Welt.

„Haben Sie keinen eigenen Verstand? Haben Sie keine eigene Phantasie?” Fast schon wehleidig klang ihre Stimme. Als würde sie G. auf tiefste bedauern und ihn aus eben dem gleich Grund, gleichzeitig, auch zutiefst verachten. Ihr Blick ist fest auf G. gerichtet. Ihre Augenbrauen sind zusammengezogen. Die Hände wringend, G. ansehend, fragt Lore leise: „Hm?“

„Also bitte, gute Frau, selbstverständlich…aber”

„Mit was für einem blödsinnigen ABER wollen Sie mir denn jetzt kommen?“ schreit sie ihn an.
”Sind sie so rückradlos, phantasielos und unselbstständig, dass Sie sich nichts eigenes dabei denken können? Sind sie unfähig sich selber eine Erklärung zu erschaffen, in ihrem eigenen Geist? Oder hat man ihnen das verboten? Der Chef? Die Partei? Ihre alberne Frau?” Die Faust von Frau Lore Woltmann-Haiershagen ist geballt und auf G. gerichtet. Nils gluckst im Hintergrund. Ein Blick von L. bringt ihn zum Schweigen. Ein Kopfnicken setzt ihn in Bewegung.

„Das geht..” zu weit, wollte er noch sagen, aber schon hat Nils ihn von hinten gepackt und im Würgegriff. Holger holt aus und schlägt ihm seine Faust in den Magen. Ein mal, zwei mal. G. fuchtelt mit den Armen, versucht sie sich vor das Gesicht zu halten, aber Monika drischt mit ihrer Handtasche auf ihn ein. Das macht sie immer. Manchmal nervt es mich, aber es gehört auch schon irgendwie dazu. Früher noch hat sie einfach daneben gestanden und in der Handtasche herumgekramt anstatt zu helfen. Sybille steht etwas abseits, zusammen mit Simon. Die beiden sind immer etwas zurückhaltend, aber sie werden auf jeden Fall noch gebraucht. Es fällt mir schwer meine Fußtritte, mit denen ich möglichst schmerzhaft die Schienenbeine von G. zu treffen versuche, zu platzieren.

Jetzt liegt G. auf dem Boden. Die Lippen aufgeschlagen, röchelnd von Holgers Fausthieben und in Mitleidenschaft gezogen von Nils Würgegriff. Seine Augen sind fassungslos, weit aufgerissen, fast schon irre. Er versucht sich abzustützen um aufzustehen. Meine Erregung ist auf ihrem Höhepunkt und macht sich in einem Schrei und einem Fußtritt in die Seite von G. Luft. Warme, wohlige Schauer durchfluten meinen ganzen Körper. Ich balle meine Hände zu Fäusten, gehe einen Schritt zurück und trete noch einmal zu. In meinem Kopf explodieren bunte Farben. Ich atme tief ein und genießen dieses Gefühl des Triumpfes. Ich genieße meine Freiheit, die reinigende Kraft selbstbestimmt zu handeln und das zu tun, was mir Spaß macht!

„Genug! Es ist genug.“ Fr. Woltmann-Haiershagen hat das gesagt.

„Das meine Lieben, ist noch keine Kunst. Herr Simon, helfen sie den Mann in den Kunstraum zu bringen.”

Unsere drei Männer schleifen den G. in den Kunstraum, der in der Kunsthalle für den Besuch von Schulklassen eingerichtet ist. Holger, Nils und Simon werfen ihn auf das Lehrerpult. Er stöhnt und Monika holt noch einmal mit der Handtasche aus, aber Lore hält sie zurück. Enttäuscht läßt sie die Handtasche sinken.

„Heute ist ein besonderer Tag”, sagt Fr. Woltmann-Haiershagen etwas außer Atem uns sichtlich erregt. „Heute dürfen wir weitere Erfahrungen sammeln. Erfahrungen, die Kunst erst perfekt machen. Alle großen Künstler kannten es. Ohne diese Erfahrungen wären sie nie zu großen Künstlern geworden! Schmerz! Trauer! Leid und wieder Schmerz. Der immerwährende Kreislauf, aus dem die Kunst entsteht, die nach außen die schönsten Farben, die reinsten Gedanken und die würdevollsten Ziele uns zeigt. Aber nach innen hin, in sich selbst verkrümmt und verkrüppelt ist. Vielleicht sogar sein muss, damit ein Kunstwerk im Gleichgewicht sein kann. Das Gleichgewicht, welches wir alle suchen und brauchen!”

„Ja! Ja!” Sybille hat es mehr gehaucht, als gesagt.

„Dem Einen ist es gegeben Kunst nachzuempfinden, dem Anderen nicht” und Frau Woltmann-Haiershagen zeigt dabei auf G., der von Nils und Holger weiter auf dem Tisch festgehalten wird.

„Sybille…”, unsere Gruppenleiterin, unsere Glucke und Heilige Mutter, die uns alle befreit hat aus dem dumpfen Alltagstrott, die uns erlöst hat aus unserem Unverständnis und Mißtrauen übersteigerten Empfindungen gegenüber, die, die wir alle hier lieben und die uns einen Zugang zu uns selbst durch das Leid und den Ruf anderer, durch die Kraft menschlichen Schaffens in Unabhängigkeit gewiesen hat, ruft Sybille.

„…Heute! Wenn Du bereit bist. Wir wollen niemanden zwingen. Aber denke daran, eines Tages muss es sein. Je eher, um so besser. Um so eher wirst du befreit und dadurch geläutert sein. Du hilfst damit nicht nur dir selbst, sondern auch demjenigen, der nichts von der Kunst, die in Bildern oder Skulpturen gefangen ist, versteht und schon gar nicht von der Kunst des Lebens, der Freiheit, völliger Freiheit! Von der entfesselten Kunst des Seins! Und die Zeichnet die schönsten und innigsten Bilder in unserer Seele. In unserem Herzen! Du musst es versuchen! Du hilfst auch dieser armen Seele hier Kunst von nun an mit anderen Augen zu sehen. Das Geschenk des Lebens neu zu entdecken und Gott, unseren Schöpfer als Künstler zu akzeptieren, der alles perfekt bis ins letzte Detail erschaffen hat!”

G. versucht wieder sich zu wehren, aber er hat keine Chance. Holger schlägt ihm noch einmal in den Magen. Sybille zögert. Viel Kraft hat sie wirklich nicht. Ich weiß, dass sie von ihrem Mann geschlagen wird. Hier kann sie jetzt ruhe finden von ihrer Pein und Qual, die sie zu hause so oft erlitten hat und die sie bis heute verfolgt. Sie sieht mich an und ich nicke ihr zu. Meine eigenen Bilder, wahre Kunstschätze, ziehen vor meinem inneren Auge vorüber. So viel Schmerz, so viel Leid.

Sybille hat sich vor G. hingestellt. Holger schnaufend und Nils gackernd, halten seine Arme. Ich und Monika das eine Bein, Simon das andere, nicht ohne G. dabei so fest er kann in die Wade zu kneifen. G. stampelt.

Eine kleine Faust reckt sich in die Höhe. Langsam und schwach, dann schlägt sie ihm ins Gesicht. Sie weint.

„Nur Mut! Tu’ was Du dir immer gewünscht hast. Worüber wir so oft gesprochen haben.”

Ermutigend legt Fr. Wotlmann-Haiershagen die Hand auf Sybilles Schulter. Sie sehen sich in die Augen und Sybille hebt jetzt beide Arme, beide Hände zu einer Faust zusammen gefaltet. Sie schlägt noch einmal zu. Noch einmal. Immer und immer wieder. So lange es ihre geringe Kraft zuläßt, schlägt sie dem verhassten Mann, der da liegt, so hilf- und wehrlos, wie sie so oft, ihre kleinen fast unbedeutenden Fäuste auf die Brust. Sie würde ihm auch gerne wieder ins Gesicht schlagen, aber traut sich nicht.
Das tut sie alles für sich selber. Jetzt weiß sie es. Jetzt spürt sie es. Das ist die Rache und ein wenig kann sie schon den Triumpf spüren, die kleine Flamme irgendwo in ihrem Körper, die immer größer werden kann, bis es richtig brennt. Lichterloh brennt! Ihre Tränen verdorren. Ihre Augen leuchten. Holger und Nils wuchten den schlaffen Körper von G. hoch, legen sich seine Arme um die Schultern und schleifen ihn in eine Toilette, um ihn ein wenig zu verarzten. Sybille ist sichtlich erleichtert und Monika nimmt sie in den Arm. Ich lege ihr meine Hand auf die Schulter.

„Das werden wir morgen alles zusammen in der Gruppe verarbeiten – versprochen. Morgen hat die ganze Station Kunstkurs und Du darfst jetzt dabei sein. Fr. Woltmann-Haiershagen hat es erlaubt!” sage ich zu ihr. „Ich werde deine Termine entsprechend ändern und die Stationsleitung informieren.”

„Was wird mit dem Mann?” Jetzt klingt zum erstenmal Angst um sich selber in ihrer Stimme mit. Was würde aus ihr werden, wenn der Mann eine Anzeige erstatten würde? Kann er das überhaupt? Wenn er sie irgendwo, irgendwann einmal wieder sehen und erkennen würde? Ihr halbes Leben lang war es ihr egal, was mit ihr geschah. Von heute an befindet sich auf dem Weg zu sich selber. Es ist ihr nicht mehr egal, was mit ihr passiert.
Ich bin so glücklich!

„Keine Sorge. Simon ruft unsere Kollegen von der Station an. Der arme Kerl ist wahrscheinlich in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Zum Glück haben wir ihn vor der Tür gefunden und in der Toilette ein wenig frisch machen können.”

„Ja, ja, der arme Kerl,” sagt Sybille, wischt sich noch eine Träne von der Wange und geht mit uns, untergehakt, nach draußen. Es tut so gut wieder draußen zu sein. An der frischen, klaren, unschuldigen Nachtluft.

© & ℗ Frank Barneföhr · Alle Rechte vorbehalten · Keine unerlaubte Kopie, auch nicht auszugsweise, ohne schriftliche Genehmigung des Verfassers.

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