Rotkäppchen

Posted on 21. November 2012

3


Wolf:
Schenk mir ein von dem Wein
Und laß mich den Kuchen fressen
Ha! Du dummes Ding!
Dein Blut soll es sein!
Das will ich trinken

Mädchen:
Ich wußte, dass mein Blut dich lockt
Und meine zarte Haut
Der Wein jedoch ist für mich alleine!
Ich kenne dich Wolf
Sag, kennst du mich auch?

W:
Ja! Ich sah dich oft allein
Allein, im Mondenschein und im Dunkeln
Warum bist du hier?
Aus Kummer?
Das wäre ja scheußlich! (lacht)

M:
Redest du von Scheußlichkeiten?
Als wärest du gegen sie!
Aber so wie ich bin
Ist es schlimmer um mich bestellt
Als wäre ich mitten unter euch

W:
Törichtes junges Mädchen
Des Herzens schweren Schlages wegen
Unser Futter werden?
Warte auf den Nächsten
Lauf weg, solange ich dich lasse!

M:
Ich kann nicht!
Nicht mehr und niemals wieder
Wohin soll ich laufen?
Meiner Sehnsucht fehlt alle Kraft
Mein Herz erneut von mir zu stoßen

W:
So soll es denn sein
Nur wir Kreaturen können lieben
Die Menschen verstehen es nicht mehr
Ihr Blut ist kalt geworden, ohne Leben darin
Es schmeckt fade und macht nicht lange satt

M: (müde)
Ich habe es ebenso erfahren
Ich habe versucht zu lieben und davon satt zu werden
Aber es wurde keine Kreatur aus mir, kalt und hart
Ich wurde ein Krüppel um meiner Liebe willen
Um dieser meiner Schwäche wegen, komme ich zu euch

W: (barsch)
Sauf deinen Wein aus!
Schau auf dein Elend und zieh dich aus
Gedenke deiner Qualen und der irdischen Schwächen
Dann beiße ich dir die Kehle durch
Damit deine stinkende Lieblichkeit verendet

M: (bittet)
Wirst du mir den Liebsten rufen?
Damit er es ganz mit mir zu Ende bringt?
Er ist wie ihr, und ich will in seine Augen sehen
Wie damals, als es am schönsten war
Er es aber so schmerzvoll beendete

W:
Unsere Liebe ist anders
Wir fressen gegenseitig unsere Seelen
Wer weiß, ob er nicht schon satt ist
(verachtend)
Eure Liebe ist eine Krankheit
Wer gesund ist, liebt nicht!

M:
Ich bin krank vor Liebe
Und brauche meine Seele nicht mehr
Soll sie doch gefressen werden
(in sich versunken, flüsternd)
Im Mondschein verblutet
Von Wölfen gefressen

W: (zufrieden, zynisch)
Das kann ich gut hören!
Da spricht die Liebe
Derjenige nach dem Du verlangst soll dich töten!
Schmerzen von innen und von außen!
Solche Opfer lieben wir!

M: (aufgelöst)
Wisst ihr überhaupt was Liebe ist?
Nur zum Spaß missachtet und missbraucht ihr sie!
So wollt ihr eure Wildheit und Freiheit bezeugen?
Ist es nicht mehr, als alles Schöne und Gute in Fraß zu verwandeln?
Schmeckt euch das Leid immerzu?

W: (verärgert)
Schweig endlich!
Wir fressen, was deinesgleichen Liebe nennt
Weil es nichts anderes mehr ist, als Fraß
Wir fressen und fressen immerzu
Weil ihr nicht aufhört uns damit vollzustopfen!

© & ℗ Frank Barneföhr · Alle Rechte vorbehalten · Keine unerlaubte Kopie, auch nicht auszugsweise, ohne schriftliche Genehmigung des Verfassers.

Advertisements
Verschlagwortet: , ,