Neulich auf der Straße

Posted on 8. September 2012

1


Bremsen kreischen, Knochen brechen. Wieder nicht nach links geschaut.

Dieses Mal hat es mich aber voll erwischt. Das ist mir sofort klar. Aber warum spüre ich überhaupt keinen Schmerz? Ich bin total begeistert. Tot! Jetzt! Das wird es sein. Und nun?
Mist. Gerade mal tot und schon weiß man wieder nicht weiter. Liegenbleiben will ich hier auf keinen Fall. Aber Donnerwetter, der Unfall ist wirklich tragisch. Die arme Frau hinter dem Lenkrad ist am Boden zerstört und völlig paralysiert. „Ja, blöde Kuh! Jetzt weißt du mal wie’s mir immer geht”, denke ich.
Aber ich bin mir sicher, das geht vorbei. Sobald ihr klar ist, dass sie gar keine Schuld an dem Unfall hatte, wird sie mich hassen! So bleibt alles dem stetigen Wandel unterworfen und im Gleichgewicht.
So ist’s recht!

Langsam beginne ich mich unwohl zu fühlen und möchte den Unfallort gerne verlassen.
Wenn ich das alles nur träume – mein Gott! – Das wäre ja schrecklich!

Ich stehe auf und versuche, die Hände in den Hosentaschen, unaufällig zu schlendern. Habe ich den Herd ausgemacht? Egal, vielleicht treffe ich ja deswegen heute Nachmittag noch ein paar Nachbarn. Ich muss lachen. Ein Fehler, den ich vom Jenseits aus nicht wieder gut machen kann.

Ich komme aber gar nicht weit. Zwei pflegerähnliche Typen winken mich zu sich und ich folge ihrem Wink. Nach einer kurzen Ohnmacht werde ich in einer großen Konzerthalle auf dem Schotterboden abgesetzt! Hat hier nicht mal Depeche Mode gespielt? Vielleicht startet gleich ein Wunschkonzert.
Oh Mann!

Jetzt ist es so, dass ich mir vom Himmel überhaupt gar keine Vorstellungen gemacht habe.
Nur, dass da alles super sein muss! Was ist super?
Ich frage alle meine fünf Sinne ab: Unsinn, Blödsinn, Schwachsinn, Stumpfsinn und Wahnsinn…
Jeder meiner Sinne pflichtet mir bei , dass alles hier voll und ganz in seinen Zustänigkeitsbereich fällt.
Ich will „I’m the Fly“ hören und Elvis! Johnny Cash! Lou Reed – nee, geht nicht, der lebt ja noch.
Ich stecke meine beiden Zeigefinger zwischen Zähne und Zunge – ein Pfiff zerschneidet grell das allgemeine Gebrabbel – alle glotzen mich an.
Aus meinem euphorischen Verlangen nach ELVIS kam nur noch ÄÄlmwipf raus.
„Äääh… Wann geht’s los?“
„Keine Ahnung“, sagt einer, „Hier gibt es keine Zeit!“ Scheisse. Ich hätte nie gedacht, dass das ein Nachteil sein könnte.

Hier und da rufen Männer einen Frauennamen. Interessant, ich höre keine Frau, die einen Männernamen ruft. Für die hat das Paradies wahrscheinlich tatsächlich hier schon angfangen. In der Menge entsteht Gewühle. Ein Blitzschlag sorgt für Ruhe. Wie mir zu Ohren kommt, hat ein Witzbold das Gerücht verbreitet Männer und Frauen sollten sich getrennt voneinander aufstellen. Den hat’s erwischt! Manche haben eben immer nur Blödsinn im Kopf. Ich muss vorsichtiger werden!

Doch vorne tut sich jetzt was. Eine Kiste wird auf die Bühne geschliffen. Ein Mikrofon daneben gestellt. Drei Leute stehen im Hintergrund. Die Jury?
Ich bin total überdreht! Wo’sn? Was’n losier? Dududu? Hu!
Ein Spot geht an: Gott kommt auf die Bühne und nimmt sich das Mikrofon. Jetzt sagt er was: Es täte ihm leid. Niemand könnte etwas dafür. Und er wird ganz bestimmt dafür sorgen, dass alles so wird wie vorher.
Ich find’s scheisse. Ich habe gehofft, es würde mal so bleiben wie danach.
Es hätte einen Systemabsturz mit totalem Datenverlust gegeben und man müsste jetzt versuchen mit den Backups zu arbeiten.

Mein Unsinn ist in heller Aufregung! Ich versuche ihn durch den Einsatz von Stumpfsinn unter Kontrolle zu bringen, was nicht einfach ist, weil sich sonst vielleicht Wahnsinn mit einschaltet und alles verdirbt.

Der Plan sieht so aus, dass alle, die Datenmäßig verloren sind, hier zwischengespeichert werden sollen, bis der Fehler behoben ist.
Fragen werden laut: „Sind sie überhaupt Gott?“ – „Ist das ein Unix-Server gewesen?“ – „Bekomme ich ein Pony?“
Gott flippt aus: „Ruhe jetzt, verdammt!“ Einer aus der Jury reißt die Augen auf.
„Wir sind einfach nur verpflichtet sie auf grundlegende Änderungen in den AGBs hinzuweisen: z.B. Altes Testament – Neues Testament, klar?“

Ah, der Glaube ist nichts weiter als ein großes weltumspannendes Versicherungsunternehmen. Jetzt ist mir alles klar. Der Unfall hat sich ja wirklich gelohnt. Kein Wunder, dass dieses Unternehmen sich davor drückt für Schäden jeglicher Art aufzukommen.
Wir sollen an einen bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens zurückgebracht werden, um von dort aus die Daten neu einzuspielen. Als Wiedergutmachung hätten wir einen Wunsch frei! Mir fällt nichts besseres ein als mir eine hübsche Krankenschwester zu wünschen. Oder einen Porsche? Zu spät!

Ich sitze in einem Café und betrachte lächelnd die Fotos. Anita, ich habe sie nach meinem Unfall im Krankenhaus kennengelernt. War eine schöne Zeit. Aber jetzt wird es mir langweilig. Ich bezahle und mache mich auf den Weg nach hause. Schau kurz nach rechts, sehe ein Pony und gehe über die Straße…läuft noch nicht so richtig rund das neue System…

Advertisements
Verschlagwortet: , , ,
Posted in: Neuliche Texte